Monatsarchiv: Mai, 2006

Über uns

30 Mai 2006
30. Mai 2006

Den aufmerksamen und interessierten Leser werde ich heute ein wenig verwirrt haben, vielmehr der RSS-Feed von unserer Site. Da wurden plötzlich Beiträge angezeigt, die anscheinend gar nicht veröffentlicht wurden. Ja ich bekam sogar schon einen Anruf deswegen!

Ich will das Geheimnis, welches gar keines ist, mal lüften: Ich habe dem Weblog eine neue Sektion – so heißt das bei Textpattern – hinzugefügt. Im Klartext bedeutet das, dass die ehemals statischen Seiten, die Ihr bisher unter “we” fandet und die nun “über uns” heißen, ins Weblog integriert wurden. Für Euch bedeutet das, dass ihr die Artikel, die Ihr dahinter findet jetzt auch kommentieren könnt.

Bei der Gelegenheit habe ich auch Beiträge, die Gunnar auf seiner alten Site hatte mit übernommen. Für den ein oder anderen wird seine Geschichte und sein ungewöhnlichen Comming Out also noch neu sein.

Alle anderen Beiträge habe ich einfach mal auf den neuesten Stand gebracht. Also schaut Euch die neue Sektion ruhig mal an und kommentiert fleißig.

Über uns

30 Mai 2006
30. Mai 2006

Hauptbestandteil dieser WebSite ist das Weblog, also das Tagebuch in dem wir über uns, unser Leben und die vielen kleinen und großen, die wichtigen und unwichtigen und die vielen spannenden Begebenheiten berichten. Was bei vielen Online-Tagebüchern aber fehlt, ist der Part, in dem der/die Betreiber sich vorstellen. Nicht unbedingt in aller epischer Breite, aber zumindest so, dass man einen Eindruck von dem bekommt, der dort schreibt. Dies soll hier geschehen.

Wie wir uns kennen lernten

30 Mai 2006
30. Mai 2006

Es kommt mir wie gestern vor, der Tag, an dem ich mich das erste mal mit Gunnar getroffen habe. Knapp zwei Wochen vorher haben wir uns über mein Profil (einige mögen es Kontaktanzeige nennen) bei eurogay kennengelernt. Leider konnten wir uns nicht sofort treffen, denn ich hatte gerade Urlaub und zuerst einen Freund in Mainz besucht und war dann mit einem anderen Freund auf einem Kurztripp auf Mallorca. Wir blieben aber während dieser Zeit immer per SMS in Kontakt.

Nach einem halben Jahr, am 23. Dezember 2001 bin ich dann zu ihm gezogen – erst mal auf Probe – und dann im Frühjahr 2002 mit Sack und Pack. Fast vier Jahre lebten wir dann in Gunnars kleiner, aber gemütlicher Zwei-Zimmer-Wohnung, bis wir uns dann entschlossen uns unseren Traum vom eigenen Haus zu erfüllen.

Das wir uns so gut verstehen liegt glaube ich daran, dass wir viele Gemeinsamkeiten und Interessen haben und das die berühmte Chemie einfach stimmt. Zwar gibt es auch mal Stress und wir zicken uns an, aber das ist ja normal, wenn man jeden Tag zusammen ist.

Es klingt jetzt vielleicht etwas kitschig, aber ich kann mir ein Leben ohne meinen Schatz gar nicht mehr vorstellen, so schön ist es.

Eine Woche nachdem ich Gunnar kennengelernt hatte und wusste, dass er der Richtige ist, wollte ich es jedem sagen, so happy war ich. Auch meiner Mutter und meinem Bruder, die bis dato ja noch nicht mal wussten, dass ich schwul bin. Dementsprechend merkwürdig war auch die Reaktion der Beiden: sie waren einfach sprachlos (das könnt Ihr auch in meiner Coming Out Story nachlesen). Als ich meiner Mutter dann Gunnar etwas später vorgestellt habe, hat sie ihn aber gleich ins Herz geschlossen, was mich ziemlich froh macht. Letztendlich ist es zwar egal was sie sagt, aber so wie es jetzt ist, ist es doch viel besser, schließlich wurde ich von seiner Familie ja auch total herzlich aufgenommen.

Seither haben wir viel miteinander erlebt und wunderschöne Urlaube zusammen verbracht, 2002 zwei Wochen Toskana, Sylt und 2003 haben wir eine Wohnmobil-Rundreise durch den Süwesten der USA gemacht.

Langweilig wird es nie, auch wenn uns manchmal der Alltagstrott einfängt, die Zeiten in den wir viel Spaß mit uns und anderen haben überwiegen einfach. Tja und wer hätte es gedacht, seit dem 02.07.2004 sind wir miteinander verheiratet.

Über Holger

30 Mai 2006
30. Mai 2006

Mein Leben in Kürze
Geboren wurde ich 1966 in Hamburg als Sohn meiner Eltern. Da ich das zweite Kind war, geblieben bin und sicherlich auch bleiben werden, hab ich noch einen Bruder. Der ist neun Jahre älter als ich. Früher haben wir viel miteinander zusammen gemacht, heute beschränkt sich unser Kontakt auf die üblichen Familientreffen.

Meine Mutter war erst Mutter, dann manchmal recht genervt von mir und dann bei der Post . Heute ist sie glücklich in Rente und lebt in einem Nachbarort von uns.

Mein Vater hat unsere Brötchen mit Gängsterjagen in Uniform verdient. Weil ihm das wohl zu langweilig war, hat er Musik gemacht, auch bei den Gängsterjägern und richtig gut. Heute lebt er mit seiner zweiten Frau in Berlin.

Nun aber mal wieder zu mir
Die Schulzeit war ziemlich langweilig, die Lehre anstrengend, und so machte ich mich danach erst mal selbständig. Ich hatte zusammen mit einem Kollegen die Idee, man könne sich mit fünf Taxen eine goldene Nase verdienen. Stattdessen wurde ich aber eines besseren belehrt und meine jugendliche (ich war so 22/23) Naivität von besagtem Kollegen und unserem Steuerberater so ausgenutzt, dass ich noch jahrelang was davon hatte.

Ich entschied mich nach der Sache mit den Taxen und trotz aller sich daraus resultierenden Probleme, meinen vergeigten Realschulabschluss nachzuholen und dann auch noch mein Fachabi zu machen, denn das war die Vorraussetzung für das Studium der Mediendokumentation an der Fachhochschule Hamburg. Diesen wahnsinnig aufregenden Studiengang lies ich ganze drei Semester über mich ergehen und brach dann ab. Diese Zeit brachte aber auch etwas Positives hervor, was sich hinterher noch mal als gold-, na ja zumindest als geldwert herausstellen sollte.

Ich entdeckte das Internet für mich, wurde WebDesigner, schwul und total hipp
Nein, ganz so war es natürlich nicht. Ich glaube es war 1996, als ich mich mit zaghaften Versuchen aufmachte und das WWW für mich entdeckte. Es folgte die erste, zweite und bestimmt auch dritte eigene WebSite und so kam schnell der Wunsch auf, das auch beruflich zu machen. Da das wohl seinerzeit alle wollten, war es ein schwieriges Unterfangen. Ich machte mich mit einem Freund selbständig (ich konnte es nicht lassen) und später arbeitete ich freiberuflich und das sogar recht erfolgreich.

Durch meine ehrenamtliche Tätigkeit bei gay-web e.V. wo ich unter anderem die Seiten des Magnus Hirschfeld Centrums pflegte, lernte ich Nico kennen und wurde daraufhin schnell sein Arbeitskollege (nicht was Ihr jetzt denkt) in einem Hamburger Internet Systemhaus und durfte mich hochoffiziell WebDesigner und Online Producer nennen. Außerdem plante ich dort im Team die meisten unserer Marketing-Aktionen und entwarf z.B. auch unsere Kunden-Zeitschrift, Anzeigen, Flyer etc…

Den Junx hab ich natürlich auch schon etwas länger hinterher gekuckt, da war das mit dem WebDesigner viel schneller und einfacher. Was das Schwulsein für mich bedeutet und wie mein Coming Out verlief, könnt Ihr hier erfahren.

Holgers Coming Out

30 Mai 2006
30. Mai 2006

Proud to be gay
“Ich bin schwul” – drei kleine Worte und Dein Leben ist total anders. So könnte man mit wenig Worten mein Coming Out beschreiben, den Moment in dem ich mir eingestand anders zu sein als die meisten. Ich bin ein Mann und liebe Männer, nichts Schlimmes nichts Großartiges, aber für mich in dem Moment der tollste Augenblick der Welt. Ich habe lang darauf gewartet, zu lange, aber besser als diesen Moment gar nicht zu erleben.

Ich kann mich daran erinnern, als wenn es grad gestern gewesen ist. Ich saß am PC und surfte mal wieder auf irgendwelchen schwulen Seiten herum, chattet auch nebenbei. Plötzlich stand vor meinen Augen in großen klaren Buchstaben geschrieben “Ich bin schwul”. “Ja”, dachte ich, “ich bin schwul” und ich sagte es laut. Von da an war wirklich alles anders. Plötzlich fühlte ich mich wohler in meiner Haut, weil ich wusste wo ich hingehörte und was ich wollte. Die ersten Tage erlebte ich wie in Trance und ich glaubte über allem zu schweben. Ich war unendlich stolz darauf schwul zu sein…

Wie fing alles an?
Um ehrlich zu sein war ich wohl schon immer schwul, nur wollte ich das mir und meiner Umwelt nicht ganz eingestehen. Ich möchte nicht so weit ausholen, aber nach meinen Coming Out merkte ich erst wie früh eigentlich schon die Weichen für mich gestellt waren, wie früh ich mich für das gleiche Geschlecht interessierte. Nur hab ich es einfach nicht als “schwul” interpretiert. Dieses Wort gab es für mich gar nicht und der Grund warum ich mich so zu einigen meiner männlichen Klassenkameraden hingezogen fühlte, war mir auch nicht klar. Es war halt einfach so. Auch das ich, wie wohl jeder Schwule, in Versandhauskatalogen zuerst immer die Herrenunterwäscheseiten anschaute, war für mich kein Anlass daran zu denken andersrum zu sein.

Also machte ich mich, wie alle pubertierenden auf Brautschau. Ja, ich hatte schon Erfolg, aber eigentlich keinen Bock drauf. Das frustrierte mich so, dass ich es sein ließ und mich anderweitig beschäftigte: mit Schule, Arbeit und mir selbst.

Als dann der erste Schub meiner Freunde ans Verloben und sogar ans Heiraten dachte, bekam ich wohl so was wie eine Krise und wollte es wissen. Und da begann wohl die schwierigste Phase in meinem Leben. In dieser Zeit hat mich das Internet sehr unterstützt. Ich habe mir CO-Geschichten in Massen reingezogen, mich in schwulen Chats rumgetrieben und war natürlich auch auf den wirklich einschlägigen Seiten und das WWW tat das, was meine Eltern hätten tun müssen:
Mich darüber aufzuklären, das Schwulsein nichts Verwerfliches oder Schlimmes ist, sondern doch eigentlich ganz normal! Nicht das in meiner Familie schlecht über Schwule gesprochen wurde, nein, sie haben über nichts gesprochen. Sex, Liebe, Beziehungen waren nie ein Thema. Ich frage mich gerade worüber wir uns immer so unterhalten haben…
Vielleicht liegt es genau daran, dass es bei mir erst so spät losging. Ich hatte niemanden mit dem ich sprechen konnte. Worüber auch? Ich wusste ja selbst nicht so recht was mit mir los war.

Ich verlor die Scheu und mir wurde klar: ich bin schwul. Als ich das zum ersten mal sagte und es mir auch wirklich eingestanden habe, bin ich durch meine Wohnung gerannt und habe es immer und immer wieder gesagt. Ich war total happy!

Raus damit
Das Problem war nur, dass ich es nun zwar wusste, aber sonst noch niemand, außer ein paar Leuten aus dem Internet. Zuerst einmal ging ich raus in die Szene, engagierte mich, ging auf schwule Parties und hatte auch schnell meinen ersten Freund. Es war eine verdammt schöne Zeit. Es war als wenn ich ständig unter Drogen stand und ich hatte das Gefühl jeder starrt mich an. Nun geschah das alles aber unter Ausschluss meines “alten” Bekanntenkreises, aber ich wollte unbedingt, dass sie es alle erfahren, denn die Zeit des Versteckens sollte nun endgültig vorbei sein.

Ich erzählte es zuerst Julia, einer Freundin und die Reaktion war sehr entspannt. Ich druckste natürlich etwas rum und hab für meine Erklärung wohl überhaupt nicht das Wort schwul gebraucht. Es war klasse. Nach und nach erfuhren es dann fast alle. Die einen persönlich, die anderen durch Freunde und einige, klar, per eMail.

Es hat sich seitdem viel verändert
Ich bin offener geworden und stehe zu dem, was ich bin. Ich bin sogar ein wenig stolz drauf. Tja, ich wollte schon immer ein wenig anders sein und tat eigentlich nie das, was man von mir erwartete.

Diese Geschichte ist aber noch nicht zu Ende, denn es gab noch ein paar Leute, die es nicht wussten: meine Mutter, mein Vater, seine zweite Frau sowie mein Bruder.

Warum das so war?
In unser Familie wurde, wie ich schon erwähnte, weder über Liebe, Sex noch sonst irgendwas in dieser Richtung gesprochen…nie! Deshalb war es sehr schwierig für mich ihnen gegenüber damals auf einmal so offen zu sein, wie ich es bei meinen Freunden sein konnte.

Ein anderer Grund
Meine Eltern sind ja schon etwas älter und so denke ich, war es für sie einfacher zu begreifen, wenn sie “es” auch sehen und somit auch glauben. Ich meine, wenn ich bei ihnen mit meinem Freund auftauche.

Nachdem ich Gunnar kennengelernt hatte und mir sicher war, dass es was Festes sein würde, hatte ich natürlich einen Grund es meiner Ma und meinem Bruder zu sagen. Schließlich sollten sie mein Glück mit mir teilen. Der Geburtstag meines Bruders bei dem wir uns zu dritt bei meiner Mutter treffen wollten schien für mich passend. Mein Bruder holte mich von zuhause ab und wir fuhren gemeinsam nach Husum, wo meine Mutter damals wohnte. Wir hatten nie so viel miteinander zu besprechen, auch wenn wir uns länger nicht gesehen hatten, also hielten wir Smaltalk. Das war mir auch ganz recht, denn innen drin pochte mein Herz vor Aufregung, aber auch vor Freude es endlich loszuwerden.

Aber so ist das nun mal. Da denkt man (ich) an nichts Böses, weil man (ich) sich einfach nur freut und wird dann doch vor den Kopf gestoßen. Wir saßen im Restaurant und ich erzählte ihnen das ich verliebt bin. Wie sie denn hieße wurde ich gefragt und ich antwortete “Gunnar”. Mein Bruder wurde schlagartig ruhig weil er  es wohl verstanden hatte, nur meine Mutter hakte noch einmal nach: “Ist das ein Männer- oder Frauenname?”

Meine Antwort war klar und es passierte das, wovor ich mich am meisten gefürchtet hatte, nämlich nichts! Schweigen und Blicke die andeuteten: “Na ja, du bist alt genug, du musst das ja selber wissen”. Ich hatte ja immer vermutet, dass sie alle es eigentlich mittlerweile ahnen müssten, die Situation sagte mir aber etwas anderes. Es war nicht schön dieses Schweigen, denn hätten sie etwas gesagt, egal was, hätte ich mit ihnen darüber reden können, aber sie haben geschwiegen und mir damit den Wind aus den Segeln genommen, Thema gewechselt und fertig.

Mein Bruder brachte mich Abends direkt zu Gunnar, was für ihn sogar ein kleiner Umweg war. Wir haben noch weniger miteinander gesprochen als auf der Hinfahrt. Wie ich hinterher erfuhr, hatte er wohl anfänglich sogar ein Problem damit.

Meine Mutter verkraftete das besser, denn ein paar Tage später rief Sie mich an und erkundigte sich nach uns und wann ich denn mal wieder vorbei käme. Gunnar sollte dann natürlich mitkommen.

Ich glaube es war eine Woche später, als ich ihr Gunnar vorstellte und schon nach kurzer Zeit hatte sie ihn in ihr Herz geschlossen. Ich hatte auch das Gefühl, dass sie keinerlei Berührungsängste hatte. Wir sprachen zwar nicht über schwule Themen, aber das muss ja auch nicht sein.

Bei meinem Vater war es übrigens ganz unkompliziert. Als wir mal in Berlin waren, meldete ich uns einfach bei ihnen an und sagte sie sollen doch einen Platz mehr im Restaurant bestellen. Kein Problem. Ich merkte sie wussten es, wohl von meinem Bruder.

Über Gunnar (Gangan)

30 Mai 2006
30. Mai 2006

Wie alles be-gangan
Gangan erblickte am 24.01.1977 um 16:45 das Licht der Welt. Von dort an war er nicht mehr zu bremsen. Vom Krankenhaus weg ging es dann nach Hamburg, wo Gangan das erste halbe Jahr seines Lebens verbrachte. Dort meistens mit essen, schlafen, weinen, schreien und viel in die Windeln pupen. Ich weiß nicht, wie seine Eltern das überhaupt ausgehalten haben, aber egal. Nach dem ersten halben Jahr in Gangans Geburtsstadt ging es dann in das wunderschöne Ahrensburg. Gangans Mutter hatte dort ein Hausmeisterposten angenommen. So konnte sie den ganzen Tag auf den kleinen Schreihals aufpassen. Die Jahre vergingen und Gangan wuchs heran. Mit drei Jahren war das süße Leben als Kleinkind vorbei. Gangan musste in den Kindergarten. Kinderkrankheiten kamen und gingen, Ausdrücke wurden gelernt die Gangan zuvor noch nie gehört hatte und er hatte es auch endlich geschafft, seinen Namen auszusprechen!!!

Und es ging weiter
Nach vielen Bastel- und Malarbeiten war die Kindergartenzeit auch schnell rum. Dann hatte Gunnar es am eigenen Leib gespürt. Der Ernst des Lebens begann. Nie wieder sollte er es so leicht haben. Nur noch gemeine Lehrerinnen; jawohl Lehrerinnen. Es gab an der Grundschule nur Frauen, die versuchten Gunnar den Stoff aus dem Lehrplan beizubringen, was mal mehr und auch mal weniger Erfolg hatte. Einziger Mann an der Schule war der Hausmeister. Gunnar’s Klassenlehrerin war natürlich das Monster der Schule. Frau Engelke. Unter den Kindern gab es sogar einen niedlichen Spruch für diese Furie: “Die Tür geht auf, ein Fass rollt rein, das kann ja nur die warzenbespickte Engelke sein”. Tja, Kinder können schon gemein sein. Doch auch diese Lehrerin hatte Gunnar bald hinter sich, denn er beschloss einfach, die zweite Klasse noch mal zu machen. Von da an hat es ihm auch wieder Spaß gemacht. Bis dahin war auf Gunnar’s Lebensweg noch alles im rechten Lot. Als er neun Jahre war, musste seine Mutter ins Krankenhaus: Diagnose Krebs. Die Ehe von Gunnar’s Eltern lief auch vor dieser Diagnose schon nicht mehr so gut. Von da an ging es rund in Gunnar’s Leben.

Gunnars Mutter machte eine Kur. Ergebnis: Kurschatten. Die Scheidung war von da an nur noch eine Formsache. Aber Gunnar hatte anscheinend immer noch nicht die rechte Lust am Lernen. Er kam auf die Hauptschule. Welch Ekel überkam ihn. Rotzende, raufende Gören. Das war gar nicht so seine Welt. Aber er fing sich. Die Zensuren wurden besser. Seine Mutter kam noch diverse Male ins Krankenhaus. Ergebnis: Brustamputation. Wieder Kuren. Das war alles nicht leicht für Gunnars Mutter, aber sie war sehr stark. Sie fing an, den Motorradführerschein zu machen. Der Kurschatten hatte auch einen. So ging es am Wochenende dann oft ins Grüne. Alle schöpften sie Kraft. Großen Ärger gab es auch immer, wenn über die Kinder gesprochen wurde. Gunnars Mutter verteidigte ihren Sohn, der Kurschatten seine Tochter. Gunnar hatte auch oft Streit mit dem Kurschatten. Was für ein Wunder, wenn fast alles was Gunnar gemacht hat, nicht mit dem Wunsch des Kurschatten übereinstimmte. Das ging soweit, dass alle drei eine Therapeutin besuchten. Deren Meinung war es, gegenseitiges Loben würde allen gut tun. Gunnar bemühte sich auch, aber der Kurschatten, naja. Es endete damit, dass Gunnar immer in seinem eigenen Zimmer gegessen hat.

Von schönen und traurigen Dingen
Zwischen dem ganzen Trubel gab es für Gunnar aber auch schöne Erlebnisse. Er flog mit seiner Lieblings-Tante und Onkel, Onkels Bruder und seinem Cousin über den großen Teich. Das war so schön. Gunnar wollte gar nicht wieder nach Hause. Doch es war unvermeidlich. Gunnar absolvierte die Hauptschule mit einem Durchschnitt von 2,3. Schon mal nicht schlecht. Es sollte schulisch aber noch besser werden. Er fing an, seinen Realschulabschluss nachzuholen.

Dann, der große Schlag!!! Gunnars Mutterstarb am Krebs. Das Krankenhaus rief Gunnar noch am selben Tag an und bat ihn zu kommen. Gunnar rief ganz aufgeregt beim Arbeitsplatz vom Kurschatten an. Sie konnten ihn aber nicht erreichen. Gunnar wartete, bis der Kurschatten nach Hause kam. Dann sind beide sofort ins Krankenhaus gefahren. Dort angekommen sind sie zum Zimmer seiner Mutter gegangen. Der Name von ihr stand nicht mehr an der Tür. Sie wurden von einer Schwester in ein Zimmer geführt. Der behandelnde Arzt kam und sagte, sie sei tot. Gunnar war zwar traurig, konnte aber nicht heulen. Sie wurden gefragt, ob sie sie noch einmal sehen wollten. Der Kurschatten wollte, Gunnar aber nicht. Er machte sich Gedanken, warum er nicht geheult hatte. Als sie beide wieder zuhause waren, machte der Kurschatten erst mal richtig laut Musik. Gunnar rief die ganze Familie und die Freunde seiner Mutter an. Am nächsten Tag kamen Oma und Opa. Seine Tante und sein Onkel, die zu der Zeit in der Nähe von Stuttgart lebten, kamen auch. Einige Tage vergingen bis zur Beerdigung. Am Tag der Beisetzung sah Gunnar zum ersten mal seine Mutter wieder. Von da an war auch ihm klar, dass sie nie wieder kommt. Er fing an zu heulen, das erste Mal seit dem er von ihrem Tod gehört hatte. Gunnar zog wenige Tage nach der Beerdigung zu seiner Oma und Opa nach Pinneberg. Zur Schule musste er aber nach wie vor noch nach Ahrensburg fahren.

Schnelle Autos und Keyboards
Jetzt ging es los. Die Fahrschule. Gummibäume wurden im Pinneberger Raum gepflanzt, Ecken wurden begradigt und Kinder und Rentner wurden nie wieder auf den Straßen gesehen. Unglaublich aber war, Gunnar bestand auch diese Prüfung und das gleich beim ersten Mal. Seitdem ist er nicht mehr vom Lenkrad weggekommen. Als ersten Wagen hatte Gunnar einen dreizehn Jahre alten Ford Fiesta (rot), den er von seinen Großeltern und seiner Lieblingstante geschenkt bekam. Er war der erste in seiner Klasse, der den Führerschein und auch gleich ein eigenes Auto hatte. Mann, war er stolz. Er beendete die Handelsschule mit einem Durchschnitt von 2,2. Schon mal besser als die Hauptschule. Da Gunnar aber immer noch nicht genug von der Schule hatte, begann er die höhere Handelsschule. Während dieser zwei Jahre pendelte er jeden Morgen zwischen Pinneberg und Ahrensburg hin und her. Neuerdings aber nicht mehr mit dem alten Ford Fiesta, sondern mit einem kleinen knuffeligen Fiat Panda (schwarz). Beim Fiesta hätten sündhaft teure Reparaturen Gunnar in den Ruin getrieben, zu dem wollte die Karre partout nur mit Super verbleit fahren. So entschloss er sich, den Panda zu kaufen.

Wenn Gunnar grade mal nicht mit dem Auto zur Schule fuhr, hat ihn der HVV auch sicher zum Ziel gebracht. Während der Fahrten machte er Hausaufgaben und lernte für die Arbeiten. Abschluss mit 1,75 Durchschnitt. So gut sollte es schulisch nie wieder werden. Jetzt war für Gunnar der Weg in die Arbeitswelt offen, doch dann kam der Bund. Sie wollten Gunnar in eine Uniform stecken und mit dieser dann durch den Matsch jagen. Seine Tante sagte immer sagte immer, wenn sie Bundis sahen: “Guck mal, die haben wieder Wandertag mit anschließendem Picknick”. Das hörte sich natürlich verlockend an, aber Gunnar hatte sich trotzdem dagegen gewehrt. Er machte Zivildienst in einem psychiatrischem Übergangswohnheim. Sie haben ihn sogar wieder gehen lassen, man glaubt es kaum. Während der Zivi-Zeit meldete sich ein bekanntes japanische Unternehmen bei Gunnar. Die wollten ihn doch glatt unter ihre Fittiche nehmen und ihn ausbilden. Was dann auch geschah. Dann hieß es für Gunnar Ablage machen, Ware kommissionieren und diverse PC-Arbeiten erledigen. Hat auch alles recht gut hingehauen. Prüfung zum Groß- und Außenhandelskaufmann mit 2 bestanden.
So, nu aber.

Der Ernst des Lebens…
… schlug Gunnar ins Gesicht. Er hatte eine Stelle als Sachbearbeiter in der Logistik angenommen. Zollpapiere mit der Schreibmaschine schreiben war ja so toll. Aber auch die Zeit in der Logistik sollte nicht so lange währen. Schon nach nicht mal einem Jahr wurde Gunnar gefragt, ob er nicht Produktspezialist für den Bereich Multimedia, sprich Soundkarten und PC-Lautsprecher werde will. Natürlich wollte er. Doch als es losgehen sollte, wurde dieser Bereich an einen anderen Firmenzweig abgegeben. Nu stand Gunnar ohne Arbeit da. Doch am nächsten Morgen wurde er gefragt, ob er nicht der Assistent des Verkaufsleiters für den Bereich Keyboards, Synthesizer und Digitalpianos werden möchte. Was hatte Gunnar schon für eine Wahl. Aber nun mal ehrlich, Gunnar gefällt dieser Posten wirklich.

Jetzt fragt Ihr Euch bestimmt, wann nun endlich die Geschichte mit dem “Coming Out” kommt.

Hier ist sie

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